Ursachen von Flucht

Die Welt ist ein Irrenhaus #1

Eine sehr gute Zusammenfassung von Ursachen und Auswirkungen.

oder: könnte die westliche Lebensweise Flucht hervorgerufen haben?

Not für die Welt

 

Mit Milliardenbeträgen fördern Industrienationen ihre Hightech-Landwirtschaft. Der produzierte Überfluß landet oftmals zu Billigpreisen auf den Markten der Entwicklungsländer und nimmt dort den Bauern jede Möglichkeit, ihre Produkte abzusetzen. Selbst die US-amerikanischen Lebensmittelhilfen in Hungergebiete schaffen mehr Leid, als sie lindern. Denn viele Regierungen warten lieber auf die Geschenkpakete, als die Ernten ihrer Landwirte aufzukaufen. Die Chancenlosigkeit treibt Tausende Afrikaner zur lebensgefährlichen Flucht nach Europa.

Spiegel Nr. 19/2007, Seite 122f., v. Manuela Schiessel

 

...Doch selbst wenn die Einheimischen nicht mit bloßer Muskelkraft das Netz aus dem Meer ziehen würden, selbst wenn sie Eis hätten, um ihren Fang zu retten, und nicht Schiffe, mit denen man täglich zur Küste zurückkehren muss - es würde immer ein ungleicher Kampf bleiben. Denn sie müssen vom Verkauf ihrer Ware leben, anders als die hochgerüsteten Konkurrenten aus dem Norden. Das ist schwer zu verstehen für die Fischer von Mbour. Die angeblich so marktorientierten Industrieländer des Nordens geben fast doppelt so viel Geld für den Fischfang aus, wie sie damit einnehmen.

 

Die Fischer aus Europa, Japan, den USA bekommen Geld geschenkt, um ihre Boote mit modernsten Geräten vollzustopfen. Sie tanken vergünstigten Treibstoff und profitieren von billigen Darlehen. Der Transport wird bezuschußt, auch der Export. All das finanziert der Steuerzahler. Und wenn sie ihre eigenen Meere leergefischt haben, kauft man ihnen einfach neue: Vergangenes Jahr gab die Europäische Union über 200 Millionen Euro aus, damit ihre Flotten in fremden Hoheitsgewassern jagen können... Senegals Fischer sind nicht die einzigen Verlierer im Kampf gegen viel zu starke Gegner. Auch die Bauern verlassen in Scharen ihre Felder, weil ihre Waren mit Billigprodukten aus Europa, den USA und Asien nicht mithalten können. Auf den Markten in der Hauptstadt Dakar stapeln sich Zwiebeln aus den Niederlanden. Das Tomatenmark stammt aus Italien, das Milchpulver aus Frankreich, die Hühnchenteile aus allen Regionen der EU.

 

Die Landwirte im Senegal haben keine Chance. Und da geht es ihnen nicht anders als ihren Kollegen in Kenia, in Burkina Faso, in vielen Ländern Afrikas, aber auch Lateinamerikas. Sie alle könnten von ihrer Hände Arbeit leben. Sie könnten sich und ihre Familien ernähren mit dem Anbau von Mais, Soja oder Tomaten, mit dem Fischfang oder der Milchwirtschaft, wenn, ja wenn sie es nicht mit übermächtigen Konkurrenten zu tun hatten, die ihre Märkte mit hochsubventionierten Waren überschwemmen. ... Die USA liefern ihren Überfluß kostenlos in die Hungersgebiete der Welt. Doch selbst dieses vermeintlich karitative Werk schadet letztlich den Beschenkten. Die Lebensmittel landen dort oft auf den Märkten und verdrängen die heimische Produktion: Not für die Welt statt Brot für die Welt.

 

Dass sich daran möglichst wenig ändert, dafür sorgt eine mächtige Lobby. Ihr Einfluss reicht bis in ihre Regierungen. Die wiederum dominieren die internationalen Institutionen, die eigentlich dafür sorgen sollen, dass auf den Weltmarkten faire Bedingungen herrschen. Den freien Wettbewerb fordern diese Organisationen - allen voran die Welthandelsorganisation WTO - ständig. Doch frei soll vor allem der Zugang der Entwicklungsländer für die Erzeugnisse des Westens sein. Ihre eigenen Märkte schotten sie ab.

 

Früher hielt sich auch die Dritte Welt Konkurrenz mit Hilfe hoher Einfuhrzölle vom Leib. Doch wer Kredite braucht vom Internationalen Währungsfonds (IWF), muss Zugeständnisse machen an die globalisierte Handelswelt. ... „Sie sagen, die Welt sei ein großer Marktplatz geworden, die Schranken sollen fallen, damit der Handel seine heilsamen Kräfte entfalten kann", sagt Gamba Gueye, Präsident des nationalen Rats für ländliche Zusammenarbeit im Senegal. „Doch wir haben nicht den gleichen Blickwinkel, wie diejenigen, die beim IWF, der Weltbank und der WTO die Regeln machen." ...

 

Senegal, eines der ärmsten Länder der Welt, bemüht sich seit Mitte der neunziger Jahre, mitspielen zu dürfen im Konzert der Großen. Für einen Kredit des IWF hatte das Land die Währung abgewertet und seinen Markt für ausländische Lebensmittel geöffnet. Quoten und Lizenzen fielen weg, Zölle gingen bis 2001 schrittweise von durchschnittlich 34 Prozent auf 14 runter. Fast über Nacht verwandelte sich der Senegal in ein Paradies - für Länder, die ihre Überschußproduktion loswerden wollten.

 

Die Tomatenbauern traf das besonders hart. Sie hatten bis dahin gut leben können, weil Staatsfirmen ihre Ernten kauften. Plötzlich wurde italienisches Tomatenmark ins Land gepumpt. 300 Millionen Euro an Exportsubventionen zahlten Europas Bürger 1997 dafür, dass ihre Überproduktion die ärmsten Länder der Welt überschwemmt - zu Dumping Preisen. Die Entwicklung verlief fast zwangsläufig: Die mittlerweile teilprivatisierten Tomatenmarkfirmen Senegals kauften das billige italienische Tomatenmark und verarbeiteten es weiter. Die Importe aus de EU explodierten zeitweise auf das 20fache. Die Senegalesen hatten der Europäischen Konkurrenz nichts entgegenzusetzen. Ihre eigenen Beihilfen waren durch die erzwungene Liberalisierung praktisch verschwunden, ihre Tomatenproduktion brach um fast 70 Prozent ein, der Preis fiel um die Hälfte. Es kam noch schlimmer. 2005 eröffnete ein Libanese eine Tomatenfabrik in Dakar - und importiert Paste aus China noch unter dem Preis des EU-Produkts. Unter Senegals Farmern herrscht seitdem Verzweiflung. Vor der Aussaat im Sommer 2006 versammelt Ibrahim Fadior, Präsident des Tomatenbauernverbandes, seine Schicksalsgenossen zum Krisengespräch in Dagana, an der Grenze zu Mauretanien. Hier, wo der Senegal rotbraun fließt, ist das fruchtbarste Land fürGemüseanbau. Die Männer sind wütend. Einige mussten bereits ihre Kinder aus der Schule nehmen, weil sie die Gebühr, neun Euro im Monat, nicht mehr zahlen können. Was sollen sie tun? Auf Zwiebeln ausweichen? Keine Chance, seit drei Jahren überrollen niederländische Zwiebeln den Markt. Reis anbauen? Nicht konkurrenzfahig gegen die Thailänder, die ihre Abfälle spottbillig als Bruchreis verscherbeln. Baumwolle? Sinnlos, der Preis ist wegen der US-Überproduktion im Keller.

 

Die Männer in Fediors Büro fasten einen mutigen Beschluß: Wenn die Regierung ihnen nicht garantiert, für mindestens zwei Monate nach der Ernte die Grenzen für ausländische Konkurrenz dichtzumachen, werden sie nicht pflanzen. Keine einzige Tomate. Dann werden sich die Politiker fragen lassen müssen, warum sie den Tomatenanbau für das eigene Volk zerstört haben. Knapp 80 Prozent der Afrikaner leben wie die Männer von Dagana von der Landwirtschaft. Sie alle können sich ernähren. Doch wenn sie nichts verkaufen, fehlt das Geld für alles, was ihnen aus der Armut helfen kann: Schule, Medizin und Transport. Das Argument des Nordens, man helfe mit der Einfuhr billiger Lebensmittel vor allem den Armen, klingt für sie wie Hohn: Wer nichts versilbern kann, kann nichts kaufen, egal, wie billig. Statt Not lindern, wird alte Not konserviert und neue geschaffen. ...

 

Manchmal genügt schon der Abfall der Reichen, um arme Länder ins Wanken zu bringen. Im Jahr 2000 bewegte die Weltbank die Länder der westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion dazu, ihre Einfuhrzölle auf Geflügelteile von 55 auf 20 Prozent zu senken. Das Ergebnis: Praktisch über Nacht wurde die Region mit Hähnchenflügeln überschüttet. Die Teile gelten in den gesundheitsbewussten Industrieländern als Fast-Abfall, das Geschäft wird dort mit dem mageren Brustfleisch gemacht. Nun plötzlich bot sich die Chance, die Reste zu verscherbeln, statt sie als Tiermehldünger auf die Felder zu streuen. Den senegalesischen Geflügelzüchtern wurde damit der Garaus gemacht. Aus einem prosporierenden Sektor mit 10.000 Arbeitnehmern und einem Jahresumsatz von 3,8 Millionen Euro wurde ein Sanierungsfall. 2000 Kleinzüchter gaben auf. Innerhalb von fünf Jahren fiel der Marktanteil einheimischer Hühnerproduzenten von 80 auf 35 Prozent, während sich der Import bis 2003 verdoppelte. Drei Viertel der Einfuhren kamen tiefgefroren aus Belgien und den Niederlanden - für die Hälfte des Preises eines senegalesischen Huhns. ...

 

Djibril Dieme, Geflügelzüchter nahe Dakar, hatte schon alle Hoffnung verloren. Er hatte alles gemacht wie immer, und doch kaufte niemand mehr sein Fleisch. Er sah das fremde Angebot auf den Märkten, aber er wußte nicht, was dahintersteckte. Nur eins war ihm klar: Dass er aufgeben muss, wenn nicht ein Wunder geschieht. Das Wunder kam. Es nannte sich Vogelgrippe und begab sich in Europa. Mit dem Argument der Gesundheitsgefährdung konnte der Senegal Anfang 2006 die Einfuhren legal stoppen. Seitdem hat Dieme seinen Hühnerbestand wieder erhöhen können. Er weiß nicht, was er macht, wenn der Einfuhrstopp ausläuft. Er weiß nur, dass dies der Tag ist, an dem er erledigt sein wird. Dann muss auch er sich überlegen, ob er den gefährlichen Trip nach Europa wagt, von dem alle Sengalesen träumen. Die meisten haben die Hoffnung auf eine Zukunft im eigenen Land langst aufgegeben. Die Hafenstädte Mbour oder St. Louis sind übervölkert mit Jugendlichen, die auf die Chance ihres Lebens warten: in ein Boot zu steigen, mit Kurs auf Spanien. ...„lch zahle einen hohen Preis, damit meine Familie leben kann", sagt Ngouda. Seine Frau sieht er höchstens einmal im Jahr - und ein Dutzend Mal taglich auf einem Bild in seinem Foto-Handy. Lebensläufe wie der des nach Europa eingewanderten Ngouda sind typische Folgen einer unfairen Handelspraxis, die Menschen entwurzelt, Bauern in die Städte treibt oder auf lebensgefährliche Reisen.

 

Man muss den Bürgern in den reichen Ländern einmal verdeutlichen, welche ungeheuren Auswirkungen ihre Agrarpolitik auf das Leben der Ärmsten dieser Welt hat", sagt Lamine Ndiaye von Oxfam Westafrika. Genau das hat Terry Steinhour, 59, Farmer aus Greenview, Illinois, gemacht. Er ist nach Afrika gereist und hat einfach mal nachgesehen, was seine Subventionen so anrichten am anderen Ende der Welt. Nun sitzt er wieder in seinem schmucken Farmhaus, auf denen stramm der Mais steht und die genmanipulierten Sojabohnen vor sich hin reifen, und sagt: „Die Reise hat mir die Augen geöffnet." Nicht, dass er vorher nicht geahnt hätte, dass da etwas faul ist in der Agrarpolitik. Seit Jahren beobachtet er, wie die Farmer immer weniger werden und die wenigen immer größer. Er erlebt den Niedergang des ländlichen Amerika und die Fremdbestimmtheit der verbleibenden Bauern. Deren Leben wird weit weg in Washington D.C. geplant, von einflussreichen US-Agramultis wie Cargill, Bunge, Con-Agrar und ADM. ... Die Region zwischen Nairobi und Uganda ist die fruchtbarste im ganzen Land. Die grünen Hügel erinnern eher an die Toskana als an ein Land, in dem Menschen verhungern. Die Maisfelder stehen in voller Frucht, Tomatenfelder leuchten rot, der Weizen wogt im Wind, und dicke Holsteiner Kühe grasen auf Wiesen. Dennoch bleiben die Bauern auf ihrer Ernte sitzen. „Wenn im Norden oder Osten ein Hungersnot droht, wartet die Regierung lieber auf die Lieferung des World-Food-Programms, als unseren Mais zu kaufen", sagt Julius Rotich. Der Bauer hat sich mit den Landwirten von Kesses zu einer Vermarktungskooperative zusammengetan. Sie haben ein Büro bezogen und wollen ihre Produkte gemeinsam verkaufen, so wie die Kollegen in den reichen Ländern. Doch so sehr sie sich auch bemühen: gegen Geschenke können nicht einmal sie konkurrieren.

 

„Die gesamte Lebensmittelhilfe ist doch pervertiert", findet der kenianische Ökonom James Shikwati. „Es wurde eine Kultur geschaffen, die jede Eigeninitiative zerstört, korrupte Regierungen stabilisiert und längst überholte Lebensformen erhalt." Etwa die der Hirtennomaden. „Die halten sich Vieh als Statussymbol - und um Frauen zu kaufen. Früher haben sie die Tiere auch geschlachtet, wenn Nahrung und Wasser knapp wurden. Heute warten sie lieber auf Hilfslieferungen." Effekt: Viel zu viele Tiere überweiden die kargen Flächen, das Land erodiert, die Hirten ziehen auf fremdes Land, und schon kommt es zum Konflikt mit den Bauern. Wird der Streit zum Krieg, rücken UNO-Blauhelme an und versuchen zu schlichten, was das UNO-Nahrungsmittelprogramm angerichtet hat.

 

...Man muss sie zwingen, sie mit hohen Schutzzöllen aus dem Land halten, damit sich eigene Märkte entwickeln können; ihre Bürger über die unfaire Politik informieren, damit die Verantwortlichen in Erklärungsnot kommen; Proteste organisieren, damit die Welt von der Ungerechtigkeit erfährt. ... Das beste Druckmittel aber ist der Strom der Migranten, die sich zu Hunderttausenden in die Paradiese des Nordens aufmachen. Europa ist schon jetzt nervös, dass weiß Traore von seinen Reisen. Und die Anspannung wird weiter steigen. Denn wer in der Heimat keine Existenzgrundlage mehr hat, Iaäßt sich auf Dauer nicht von Zäunen, Küstenschutzbooten oder Soldaten aufhalten. „Wenn die reichen Länder jede Entwicklungschance in unseren Ländern zerstören, dann müssen wir uns eben in ihren entwickeln", sagt Gamba Gueye, Traores Amtskollege im Senegal. Das klingt wie eine Drohung. Und so ist es auch gedacht: „Wir haben Erdnüsse exportiert, das wurde uns kaputtgemacht. Wir exportierten Fisch, der wurde uns weggefangen. Nun exportieren wir eben Menschen."